Tiny House bei Harlesiel
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Jan Sadowski draußen vor Tiny Houses

Fe­ri­en im Ti­ny Hou­se an der Nord­see


„Oh, jetzt hab ich sie aus Versehen doch angemacht“, sagt Jan Sadowski und guckt so überrascht, als hätte er gerade den Startknopf einer Raumfahrtrakete und nicht den einer Dusche betätigt. Schnell tritt er auf der Duschkabine heraus. Dadurch steht er zwar im Trockenen, es wird schlagartig aber auch etwas eng in dem Badezimmer des 22 Quadratmeter kleinen Tiny House. Wir beide müssen feststellen, dass 22 Quadratmeter ausreichen, um vier Urlaubern Platz zu bieten, aber zu klein sind, um sich zu zweit im Badezimmer aufzuhalten. Also gehen wir durch die helle Holzschiebetür zurück in den Wohnraum des kleinen Ferienhauses.

Ei­ne As­tro­nau­ten­du­sche für die Nach­hal­tig­keit


Hier angekommen erklärt Jan, warum er sich gerade voll bekleidet in eine Duschkabine gestellt hat, um mir ihre Funktionsweise zu erklären. Denn tatsächlich lag ich mit der Raumfahrtrakete gar nicht so weit daneben. Immerhin handelt es sich bei der Dusche um ein Modell, das auch die NASA an Bord ihrer Raumschiffe nutzt. Und was hat so eine Astronautendusche in einem Tiny House zu suchen? „Sie recycelt das Wasser während des Duschvorgangs und spart dadurch 90 Prozent des Wasservolumens und 80 Prozent der Energie ein“, erklärt der Mann in den blauen Sneakern und der Steppjacke. Jan Sadowski ist der Geschäftsführer des Start-ups Green Tiny Houses. Ein Unternehmen, das Tiny Houses herstellt und sie deutschlandweit an besonderen Orten in der Natur platziert, um sie an Gäste zu vermieten. Der Clou an dem Konzept: Die Häuser sind in Hinblick auf ihren Energie- und Ressourcenverbrauch zu hundert Prozent nachhaltig konzipiert. 

18 Ti­ny Hou­ses di­rekt an der Nord­see


In Ostfriesland an der Nordsee können Urlauber, umgeben vom Naturschutzgebiet und nur einen Fußmarsch vom Wattenmeer entfernt, Tiny Houses mieten. Denn hier in Harlesiel ist das erste von mehreren deutschlandweit geplanten Tiny House Villages entstanden. Zwischen dem grünen Deich, den Salzwiesen und dem Meer stehen gleich 18 der kleinen umweltfreundlichen Ferienhäuschen. Mit ihren hellen und dunklen Holzfassaden zeichnen sie sich wie ein Haufen großer Bauklötze vor dem graublauen Himmel ab und fügen sich durch das natürliche Material gleichzeitig wie ein passendes Puzzleteil in die Landschaft ein.

Kü­he vor dem Fens­ter statt Fern­se­her an der Wand


Jan sitzt jetzt vor der großen Panoramafensterscheibe des Hauses, die von außen wie ein großer Spiegel der Landschaft aussieht und von innen den Blick auf die Natur freigibt. Das blauschwarze Sofa, auf dem er es sich gemütlich gemacht hat, kann nachts zu einem Schlafplatz für zwei Gästen umgebaut werden, erklärt er gerade, als hinter ihm eine Kuh ins Bild gelaufen kommt. Sie bleibt direkt auf der anderen Seite der Scheibe stehen und fängt an wiederzukäuen. Ein Anblick, der mich zum Lachen bringt, während sich gleichzeitig unendliche Ruhe in mir breitmacht. „Ich glaube, das Besondere ist, dass wir mit den Tiny Houses einen Ort geschaffen haben, an dem wir Nachhaltigkeit erlebbar machen können“, erklärt Jan währenddessen. „Und das fängt schon dabei an, den Menschen die Natur näher zu bringen“, sagt er und zeigt auf den Ausblick ins Grüne.

Hier wird Nach­hal­tig­keit ge­lebt


Während ich das Haus erkunde, fällt mir eine kleine Glasscheibe in der Wand auf, hinter der ich etwas erkennen kann, das wie Fäden aus braunem Papier aussieht. Irgendwo habe ich das doch schon einmal gesehen. „Seegras“, sagt Jan schmunzelnd, der meinen grübelnden Gesichtsausdruck bemerkt hat. Er erklärt, dass die Tiny Houses ausschließlich mit natürlichem Material gedämmt werden, wie beispielsweise Schafwolle oder Seegras. „Das hat zusätzlich den Vorteil, dass Seegras Feuchtigkeit aus der Luft aufnimmt und sie wieder abgibt, wenn es nötig ist. Das wirkt sich positiv auf das Raumklima aus“, fügt er hinzu. Das Glas hat er einbauen lassen, damit die Mieter sehen können, was sich hinter der hellen Holzvertäfelung verbirgt, deren Maserung die Wände von den Korkböden bis unter die Decke mit feinen braunen Linien und Astlöchern ziert. Auch das Holz wurde statt mit Chemikalien nur mit natürlichen Ölen bearbeitet, um die Raumluft nicht mit giftigen Ausdünstungen zu belasten.

Mit Bir­ken­holz ge­gen Bak­te­ri­en


Je mehr ich mich umgucke, desto begeisterter bin ich über all die kreativen, nachhaltigen Lösungen. Denn man sieht in jedem Winkel, dass sich hier jemand Gedanken gemacht hat. Im Bad finde ich neben der Astronautendusche eine Verbrennungstoilette, die komplett ohne Wasser auskommt. Stattdessen fällt bei Knopfdruck und geschlossenem Deckel alles durch eine Luke in eine geschlossene Brennkammer, wo es bei 600 Grad verbrannt wird. Zurück bleibt lediglich ein Ascherest, der keimfrei ist und sogar als Dünger verwendet werden kann. In der Küche entdecke ich eine Filteranalage, die das Wasser der Spüle so gut reinigt, dass man es problemlos trinken kann – kein Wasser aus Plastikflaschen nötig. Sogar mit den Handtüchern wird Wasser und Energie gespart. Denn die bestehen anteilig aus Birkenholz, dessen antiseptische Wirkung die Vermehrung von Bakterien hemmt. „Dadurch kann man sie länger benutzen, bevor sie gewaschen werden müssen“, fasst Jan zusammen. Und natürlich ist auch die Gästemappe digital, damit Papier gespart wird.

Ich bin gerade damit beschäftigt, die Treppe zu bewundern, die sich unter die Arbeitsplatte der Spüle rollen lässt, um Platz zu sparen, als ich von dem lauten „Muh" einer Kuh unterbrochen werde. Wir treten raus auf die kleine Holzterrasse vor der Haustür, um zu sehen, was da los ist. Doch der gefleckte Vierbeiner hat sich schon wieder den grünen Grashalmen der Kuhweide zugewandt. Als ich einatme, füllen sich meine Lungen mit herrlich salzig schmeckender Meeresluft. Am Himmel ziehen Gänse in Formation vorbei und wir stapfen über die feuchte grüne Wiese los in Richtung eines zweiten Tiny House, das laut Jan mit ein paar besonderen Extras auftrumpfen kann. 

Ost­frie­sen­tee am Ka­min


Und wie es auftrumpft. Als wir durch die schwarz eingerahmte Verandatür in das Innere des Hauses treten, fällt mein Blick sofort auf das asymmetrische große Fenster, das die Landschaft einrahmt, als wäre sie ein großes Gemälde. Weitere acht Fenster füllen den Raum mit Licht und lassen ihn hell und großzügig wirken. Beim Anblick der breiten Fensterbänke möchte ich sofort den silbernen Teekessel auf den Gasherd stellen und mich mit einem Ostfriesentee in die blauen Kissen kuscheln. Mein Wunsch nach Gemütlichkeit wird zumindest teilweise erfüllt, als sich Jan dem Kamin in der Mitte des Raumes zuwendet und anfängt, Holzscheite hinein zu stapeln. Nur wenige Minuten später füllt sich der kleine Raum langsam mit Wärme und dem Geräusch von knisternden Flammen und knackendem Holz. Vor dem Fenster trottet mal wieder eine Kuh vorbei und in der Ferne drehen die Flügel von ein paar vereinzelten Windrädern langsam ihre Kreise.

Von der Watt­wan­de­rung in die Sau­na


Und Jan hat noch ein As parat, das er gekonnt aus dem Ärmel schüttelt, als ich wissen möchte, was sich denn in dem kleinen Holzhaus befindet, das am Rande des Geländes auf schwarzen Stelzen steht. „Eine Sauna“, sagt er, als wäre nichts dabei, dass mitten in der Natur eine ökologisch gebaute Sauna mit Panoramafenster steht. Mit Beginn der nächsten Saison können Gäste hier nach einer Wattwanderung mit Blick auf die Salzwiesen in aller Seelenruhe schwitzen, entspannen und es sich im Anschluss vor ihrem Kamin im Tiny House gemütlich machen. „Viele haben das Gefühl, dass Nachhaltigkeit automatisch mit Verzicht zu tun hat. Das muss nicht sein. Man kann bewusst mit Ressourcen umgehen und trotzdem auf hohem Niveau Urlaub machen“, sagt Jan,  während er zufrieden seinen Blick über das Tiny House Village schweifen lässt. Er sieht dabei so aus, als sei er in Gedanken schon bei den neuen Gästen, die heute Nachmittag ankommen. Auch ihnen wird Jan Sadowski mit Sicherheit die Astronautendusche vorführen. Und hoffentlich bleibt er auch dieses Mal trocken.