Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer
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Joke Pouliart

Watt­wan­de­rung zur In­sel Spie­k­eroog


Eine geführte Wanderung zur Insel Spiekeroog – zu Fuß quer durch den Nationalpark Wattenmeer

Jetzt läuft Joke Schlittschuh. Mit einer Art Skatingschritt gleitet er vor unseren Augen durchs Watt und macht der Wandergruppe vor, wie man am kräfteschonendsten durch knöcheltiefen Schlick kommt. Sieht einfach aus und funktioniert natürlich ganz ohne Schlittschuhe. Ist aber nicht ohne, wie wir gleich merken werden. Los geht’s: Wie eine schmatzende Saugglocke haftet das Watt bei jedem Schritt an meinen Füßen, die in Neopren-Surfschuhen stecken. Ich habe keinen sicheren Halt und für ein paar Minuten auch keinen Blick mehr für die grandiose Natur, in der wir uns mit Nationalpark-Guide Joke Pouliart bewegen: für den Horizont, der erst einige Kilometer weiter mit dem Watt verschwimmt. Für die Millionen Muscheln am Boden – Austern, Herzmuscheln, Miesmuscheln und Muscheln, deren Namen ich nicht kenne. Für den von der Nordsee zu Wellenmustern gekämmten Meeresgrund. Für die kreischenden Möwen über uns, für die Wasserläufe im Watt, die darin badenden Löffler und die grüne Insel Spiekeroog, die vor uns im Dunst liegt und unser heutiges Wanderziel ist.

Gro­ßer Ar­ten­reich­tum


Am Wattwanderzentrum Ostfriesland am Strand von Harlesiel sind wir früh um neun gestartet – eine Gruppe von knapp 20 Leuten. Joke hat uns an einer großen Karte erklärt, warum das Wattenmeer eine so einzigartige Landschaft und Weltnaturerbe der UNESCO ist: Das größte Wattsystem der Erde reicht von Den Heldern in den Niederlanden bis zur Halbinsel Skallingen in Dänemark – ein etwa 500 Kilometer langer Küstenstreifen, der in dynamischer Bewegung ist. Allein im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer wurden bislang schon über 10.000 Tier- und Pflanzenarten entdeckt, darunter viele sehr seltene. „Wenn sich hier etwas verändert“, mahnt Joke, „wenn das Meer wärmer wird oder die Stürme zunehmen – dann gerät alles aus dem Gleichgewicht.“

Drei Me­ter un­ter dem Was­ser­spie­gel


Der Mensch ist hier nur Gast – bei Ebbe kann er für wenige Stunden, am sichersten mit fachkundiger Führung, zu Fuß in diesen geheimnisvollen Lebensraum vordringen. „Wir sind hier drei Meter unter dem Wasserspiegel bei Flut“, erzählt Joke, als wir nach dem ersten anstrengenden Schlickabschnitt wieder etwas festeren Boden unter den Füßen haben und eine kleine Vesperpause an einem Priel machen. „Und wenn ihr hier morgen wieder entlang gehen würdet, dann wären alle unsere Spuren wieder verschwunden – das finde ich schon sehr faszinierend.“ Joke lacht. Er ist der Typ Umweltschützer, der es schafft, Sensibilität für die Natur zu wecken, ohne moralsaure Predigten zu halten. Sein Motto: „Nur was der Mensch kennt, kann er schützen.“ Und was er liebt. Man merkt dem Deutsch-Belgier an, dass er als Guide im Watt seine wahre Leidenschaft gefunden hat. Touren macht er sommers wie winters, für Familien und für Sportliche. Mehrere Wattführende hat er für sein Wattwanderzentrum Ostfriesland eingestellt, hat dafür Leute erfolgreich aus der Langzeit-Arbeitslosigkeit geholt. Außerdem arbeitet er bei einem regionalen Netzwerk nachhaltiger Tourismus-Partner mit, hat selbst neben dem Wattwanderzentrum Ostfriesland die nachhaltige Reiseagentur Waddensea Travel gegründet. Seine Begeisterung wirkt ansteckend, auf uns Gäste, und sicherlich auch auf touristische Mitstreiter. Und seine Autorität hier draußen wird von jedem akzeptiert. Als Joke uns freundlich ermahnt, vielleicht im Angesicht der hereinbrechenden Flut nicht jede hübsche Muschel zu fotografieren, beschleunigen alle sofort ihren Schritt.

Han­dys nach oben


Etwa 12,5 Kilometer lang ist unsere Tour, bei der wir ganz viele Wattformen erleben: Schlick, Sandwatt, Priele und Salzwiesen. Spätestens, als wir durch den ersten fast hüfttiefen Priel waten, die Handys und Fotoapparate etwas ängstlich gen Himmel gereckt, wird allen klar, warum die Tour auf der Website als sehr sportlich beschrieben wurde. Und warum Joke eingangs noch einmal gefragt hat, ob wir uns auch alle gesund fühlen. Denn Freude, Entspannung und tolle Erinnerungen bringt eine solche Tour nur, wenn keiner unterwegs gerettet werden muss.

Im Flow


Wir sind alle fit. Und irgendwann sind Schlick und Schlamm sogar unsere Freunde. Auch ich bin im Flow, setze lächeln Fuß vor Fuß, wate vorsichtig durch kleine, glasklare Miniseen im Sand, in denen klitzekleine Fischkinder schwimmen. Beobachte, wie ein im Untergrund bleibender Wattwurm seinen Sandauswurf an die Oberfläche presst, und erfreue mich an der Sonne, die in den Prielen tanzt. Ich merke, der Alltagsstress ist plötzlich viel weiter weg als das nächste Ufer. Eine große Ruhe hat sich in mir ausgebreitet, ich bin nur noch im Hier und Jetzt, genieße trotz der Anstrengung jeden Moment dieser außergewöhnlichen Wanderung. Ein Blick nach rechts und links. Auch die anderen schweigen, platschen andächtig durch den Schlamm, genießen das Vogelgeschrei, die Weite und die Stille hier draußen. In einem der tiefen Priele sackt mir kurz darauf plötzlich in einem unkonzentrierten Moment ein Bein im Schlamm weg und ich gehe unfreiwillig in die Knie – sofort sind da mehrere helfende Hände, die mich sicher ans nahe Ufer des Priels bringen. Hier draußen wird man zu einer Art Schicksalsgemeinschaft, denn man hat hier nicht alle Zeit der Welt. Das verstärkt den Zusammenhalt und das Naturerlebnis.

Li­la Salz­wie­sen


Kurz vor den Salzwiesen an der Südküste von Spiekeroog und nach dem letzten großen Priel, den wir zu durchqueren hatten, bittet Joke Pouliart uns, einen ganz weiten Kreis im Watt zu bilden – mit mehreren Metern Abstand zum Nebenmenschen. „Dreht euch jetzt mal um“, meint er dann, „seid für ein paar Minuten still und schaut alleine ins Watt hinaus. Dann könnt ihr die die Weite und die Einzigartigkeit der Landschaft noch besser fühlen.“ Vor dem Umdrehen mache ich noch schnell ein Foto: sehr kleine Menschen in sehr großer Natur. Ein wunderschönes Erinnerungsbild.