Cuxhaven Wattenmeer, © Alexander Kassner/ Alex K. Media
© Alexander Kassner/ Alex K. Media
Zwei Kinder laufen durch das Watt., © Elischeba Wilde
© Elischeba Wilde
Wattwandernde Gruppe auf Langeoog, © Wattwanderzentrum Ostfriesland / Joke Pouliart
© Wattwanderzentrum Ostfriesland / Joke Pouliart

Interview mit Frauke Lüken


Wattführerin Frauke Lüken vom BUND Nationalpark-Haus Dornumersiel, © Ina Frerichs/Anzeiger für Harlingerland – Ostfriesisches Tageblatt

Über die Faszination vom Wattenmeer erzählt

Frauke Lüken
Geprüfte Watt- und Nationalparkführerin


Menschen das Watt zu zeigen – ist das dein Traumjob?
Ja! Ein „Sechser“ im Lotto!

Seit 2003 bist du geprüfte Wattführerin und fast genauso lange Nationalparkführerin. Wie wird man das und was ist der Unterschied zwischen beiden Titeln?
Bei der Prüfung zur Wattführerin muss man beweisen, dass man das Watt wie seine Westentasche kennt, damit ich auch bei plötzlich aufkommenden Nebel meine Teilnehmer sicher ans Ziel bringen kann! Neben der Orientierung werden auch weitere Sicherheitsthemen abgefragt und natürlich auch die Kenntnisse zum Ökosystem!
Nationalpark-Wattführerin ist eine Art Qualitätssiegel. Die Auszeichnung erhält man durch die Teilnahme an Weiterbildungsveranstaltungen und seit ein paar Jahren werden auch eine Hausarbeit und eine praktische Prüfung verlangt. Als Nationalpark-Wattführer stehen wir hinter dem Nationalpark-Gedanken und vermitteln diesen. Außerdem verpflichten wir uns auf eine maximale Teilnehmerzahl unserer Führungen von 30 Personen. Eine kollegiale Beratung findet regelmäßig statt. Am wichtigsten finde ich jedoch, dass wir uns ständig weiterbilden, um unseren Zielgruppen immer zeitgemäß auf Augenhöhe zu begegnen. Nicht das WAS alleine ist wichtig, sondern das WIE wir WAS vermitteln! Selbst als alte Häsin lerne ich gerne dazu und freue mich auf den Weiterbildungsveranstaltungen die anderen alten und jungen Hasen zu treffen!

Was fasziniert dich am Watt und an der Nordseeküste und gab es einen besonderen Anlass oder Zeitpunkt, an dem du dich in das UNESCO-Weltnaturerbe verliebt hast?
Es war Liebe auf den zweiten Blick! Ich bin in unmittelbarer Nähe zum Wattenmeer aufgewachsen. Anfangs noch kein Nationalpark und noch lange kein UNESCO-Weltnaturerbe. Obwohl die ökologische Bedeutung während der Schulzeit gelehrt wurde, blieb meine Faszination für die einzigartige Landschaft begrenzt. Es war halt normal. Nach dem Abitur habe ich mich für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr entschieden, das ich im Nationalpark-Haus in Dornumersiel absolviert habe. Für mich, neben privaten Ereignissen, das wichtigste Jahr in meinem bisherigen Leben! Danach wusste ich, dass mir Vermittlungsarbeit liegt, ich aber keine Lehrerin werden wollte. Ich wollte am Wattenmeer Öffentlichkeitsarbeit leisten und Menschen von der einzigartigen Gezeitenlandschaft begeistern und von deren Schutz überzeugen. Heute kann ich sagen, dass ich das Watt für meine Seele brauche. Und nicht nur das Watt, sondern auch das Vermitteln von Wissen darüber.

Du hast sogar eine eigene Website: watt-ne-frauke.de - Erzähl uns davon. Wie ist die Idee zustande gekommen?
Als Diplom Ingenieurin für Umweltwissenschaften war es Anfang der 2000er Jahre nicht einfach, einen Job zu finden. Insbesondere nicht in der Heimat. Während eines Praktikums bei der Nationalpark-Verwaltung in Wilhelmshaven begann ich mich auf die Prüfung zur Wattführerin vorzubereiten. Gleichzeitig wurde ich zu Bewerbungsgesprächen eingeladen. Mit der Nationalpark-Hausleitung auf Wangerooge wurde es nichts, aber der Kurverein in Neuharlingersiel wollte mich als Wattführerin und als Leiterin der Veranstaltungsabteilung. Ein Jahr hieß es dann Plakate und Veranstaltungskalender erstellen, rein in die Gummistiefel, raus den Gummistiefeln und rein in die Pumps für die Moderation des Benefizkonzerts der DGzRS. Nach einem Jahr war ich mir sicher genug, um den Sprung in die Selbstständigkeit und eine Ich-AG zu starten. Dafür brauchte es eine Homepage! Weil ich inzwischen im Nationalpark-Haus in Dornumersiel beschäftigt bin, bräuchte ich die Homepage nicht mehr, aber sie wird noch häufig zur Kontaktaufnahme genutzt.

Was schätzt du, wie viele Wattführungen du bisher schon gemacht hast? Oder kennst du sogar eine konkrete Zahl?
Puh, schwer zu sagen. Nach der Ich-AG kamen die Kinder und die Museumsleitung des Museums „Leben am Meer“ und August-Gottschalk-Haus in Esens. In dieser Zeit habe ich weniger Wattführungen, sondern Stadt- und Museumsführungen durchgeführt. Ich denke es sind insgesamt ca. 2500.

Sind deine Kinder auch verrückt nach Watt?
Für sie ist das Watt normal, wie für mich in meiner Kindheit. Als sie jünger waren, sind sie gerne mit mir an den Strand und ins Watt gefahren. Nicht ganz einfach, wenn man auch arbeiten muss. Da sie nun in die Pubertät kommen, sind andere Themen für sie im Moment wichtiger. Aber eine Liebe auf den zweiten Blick, wie bei mir kann ja noch kommen!

Was erleben Besucher bei den Führungen und was im kostenlosen Nationalpark-Haus, das weiterführende Infos bietet?
Die Ausstellung bietet einen guten Einstieg in das Thema Wattenmeer. Die Ausstellung ist familienfreundlich, sodass jedes Familienmitglied altersgerechte Informationen entdecken kann. Die Erwachsenen können erfahren, wie groß der Nationalpark Wattenmeer ist und warum es auch ein UNSECO-Weltnaturerbe gibt. Dagegen sind die Kinder und Jugendlichen eher spielerisch unterwegs. Doch spätestens am Aquarium drücken alle Altersklassen ihre Nasen gemeinsam platt! Eine Führung am Wattenmeer ist ein Erlebnis für noch mehr Sinne. Das Wort Begreifen hat nicht ohne Grund zwei Bedeutungen. Durch Anfassen erleben und erlernen! Dies ist vor Ort in der Natur einfacher.

Was begeistert Kinder und Jugendliche am Watt am meisten?
Ich denke für die kleinen Kinder ist es die Konsistenz des Wattbodens. Wasser, oder im Fall von Niedrigwasser Feuchtigkeit, üben immer einen großen Reiz auf Kinder aus. Es ist ein, aus ihrer Sicht unendlich großer Sandkasten, der zur Freude auch noch Wasser enthält! Wenn die Kinder älter sind, sind es definitiv die Krebse! Diese dürfen auf keiner Wattwanderung fehlen und ich habe an allen Orten meine Geheimverstecke, wo ich welche finde. Für mich ist die Freude immer groß, wenn ich einen Zombiekrebs finde! Er ist nicht tot und nicht lebendig!

Wattwanderung, anschließende Untersuchung mit dem Mikroskop, vogelkundliche Deichwanderung, Schifffahrt mit Besichtigung der Seehundbänke: Es gibt unzählige verschiedene Ausflüge an der Nordseeküste …
Ein weiteres Steckenpferd von mir ist die Kulturgeschichte der Küstenregion. Die Dynamik zwischen Natur und Kultur begeistert mich. Besonders gut „erfahren“ lässt sie sich mit dem Fahrrad rund um Dornumersiel, wo es alte Deichlinien, Warften und Deichbruchstellen gibt.

Tiere in der freien Wildbahn zu erleben ist etwas ganz anderes, als sie im Zoo anzusehen. Die Seehunde auf den Sandbänken sind eine wirkliche Besonderheit. Was kann man hier Außergewöhnliches beobachten, was macht den Reiz aus?
Tiere in der freien Wildbahn beobachten zu können, ist ein Geschenk. Eine Fahrt zu den Seehundsbänken ist für die meisten Besucher sicherlich ein Erlebnis. Aber ich freue mich auch über die zufälligen, nicht geplanten Begegnungen. Sechs Kanadagänse, die nur wenige Meter über mir fliegen oder ein abtauchender Schweinswal, den ich nur im Augenwinkel noch erblicke.
Einen ganz besonderen Reiz üben die Formen und Strukturen der Wattenlandschaft sowie die Dynamik, die sich ständig verändert, auf mich aus. Luftbilder wie im Bildband „Ostfriesland von oben“ von Martin Stromann finde ich faszinierend.


Im Nationalparkhaus können Kids und Teens einen Vogelstimmen-Rap komponieren und beim Wattkicker Vögel gegen Würmer spielen. Die Info-Zentren sind also perfekt auf die junge Zielgruppe zugeschnitten!
Ich weiß, dass diese Dinge nicht nur von Kids und Teens gerne benutzt werden, schließlich waren alle Besucher einmal Kind! Den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, heißt aber nicht, dass die Ausstellung keine tiefgreifenden Informationen bietet! Außerdem ist immer eine Ansprechperson anwesend, die individuelle Fragen beantwortet und versucht allen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Mit dem Umweltforum gibt es sogar direkt um die Ecke eine passende Unterkunft für Kinder und Jugendliche ...
Ja, wir sind das einzige Nationalpark-Haus am Niedersächsischen Nationalpark Wattenmeer mit eigener Herberge. Wir nennen das Umweltforum liebevoll UFO. Dort haben wir 32 Betten. Wenig für eine Art Jugendherberge, aber die meisten Gruppen genießen es, dass sie unter sich sein können. Viele Grundschulen aus der Region verbringen ihre erste Klassenfahrt bei uns und erleben das Thema Wattenmeer ganz nah mit unseren Veranstaltungen. Aber auch weiterführende Schulen aus ganz Deutschland und sogar der Schweiz buchen ihren Aufenthalt bei uns. Erwachsenengruppen dürfen übrigens auch buchen!

 

Stand: Juni 2020