Fahrrad an Feldweg in Ostfriesland
© Tourismus GmbH Gemeinde Dornum / Marlene Heyken
Marlene Heyken
Blog

Mit dem Rad un­ter­wegs in Ost­fries­land


Rund-Radtour von Dornumersiel nach Hilgenriedersiel und zurück

Heute führe ich euch zu einem meiner Lieblingsplätze an der Küste. Mit dem E-Bike geht’s auf eine Radrundtour von Dornumersiel nach Hilgenriedersiel und wieder zurück. Hilgenriedersiel hat als einziger Ort an der ostfriesischen Nordseeküste einen Naturstrand. Obwohl, Naturstrand ist hier das falsche Wort, Natur-Badestelle trifft es besser.  Es handelt sich nämlich nicht um einen weißen Sandstrand mit allem Komfort, also vom Strandkorb über gastronomische Angebote bis zu Sanitäreinrichtungen, wie ihr es in den Nordseebädern gewohnt seid. In Hilgenriedersiel gibt’s keinen weißen Sand, keine Toiletten, nichts zu futtern und zu trinken – dafür ganz viel Landschaft und Stille, viele Vögel und wenig Menschen. Ein Platz wie geschaffen zum Durchatmen, Innehalten und Genießen. In Hilgenriedersiel bekommt ihr einen Eindruck, wie es bei uns an der Küste ohne die Eingriffe des Menschen aussehen würde; denn unsere schönen gepflegten Sandstrände sind nur Fake, um es mal neudeutsch zu sagen. Also nix Natur, alles nur für euren Komfort aufgespült.  

 

Ge­heim­tipp: Hil­gen­rie­der­siel


Hilgenriedersiel ist klitzeklein, kaum bekannt, eher ein Geheimtipp und liegt zwischen Norddeich und Neßmersiel. Von Dornumersiel sind es rund 13 km bis zu dem kleinen Sielort. Für die gesamte Tour solltet ihr mit Aufenthalten auf der Strecke 3 – 4 Stunden, also einen halben Tag einplanen.

Um es euch einfach zu machen, orientiere ich mich anhand der Knotenpunktbeschilderung. Wenn ich von „KP“ schreibe, ist damit der Knotenpunkt gemeint. Entsprechende Knotenpunktkarten gibt es in den Touristinfos. Da ich eine Rundtour mache, könnt ihr überall auf der Strecke „einsteigen“.

Ich starte morgens um 8:00 Uhr. Es verspricht ein heißer, sonniger Tag mit Temperaturen um 28 ° zu werden. Aber noch ist es angenehm kühl, so 21°. Der Himmel ist tiefblau, der Nordwestwind nur ein laues Lüftchen.

Am Reethaus am Meer am KP 14 beginnt meine Tour. Rund 13 km fahre ich auf dem Deichsicherungsweg. Hier brauchts keine Karte um sich zu orientieren. Zu meiner Rechten ist immer der Deich, der die Richtung vorgibt und links wechseln sich Kornfelder mit Mais - und Kartoffelfelder ab. Dazwischen in der Ferne einige Häuser oder Bauernhöfe. Meine ständigen Begleiter sind meine Schatten auf der Straße, unzählige Schafe auf den Deichen und der Mond am Himmel – trotz der späten Stunde. Autos sind auf dem Deichsicherungsweg verboten.  Sogar Hundegassigeher, Jogger und andere Radler sind noch nicht unterwegs.

In Nep­tuns Vor­gar­ten


Neugierde siegt! Natürlich kann ich es mir nicht verkneifen, einen Blick über den Deich zu werfen. Möglichkeiten dazu bieten sich auf der Strecke. Also, Rad beiseitestellen, Deich hochklautern und - das Panorama in grün und blau genießen. Vor mir erstreckt sich das Deichvorland mit den Salzwiesen und das Wattenmeer. Die einzigen schwarz-weißen Farbtupfer bilden einige Kühe, die in den Salzwiesen grasen. Hmm, denke ich, hier kommt also das leckere Salzwiesenkalbfleisch her, dass auf keiner Speisekarte fehlen darf und eine regionale Delikatesse ist. Noch ganz verschwommen kann ich die Umrisse einer der ostfriesischen Inseln erkennen. Das wird Baltrum sein.

In der Salz­wie­se gibt’s nicht nur Salz!


Die Salzwiesen sind ein Lebensraum, der bis zu 250-mal im Jahr von Salzwasser überflutet wird. Er ist einer der artenreichsten Lebensräume überhaupt. Unglaubliche 1.500 – 2.000 Insektenarten leben hier. Davon sind 400 Arten auf die Pflanzenwelt in der Salzwiese spezialisiert. Das und viel mehr Wissenswertes über Flora und Fauna am und im Wattenmeer lese ich auf den Schautafeln, die die Nationalparkverwaltung entlang der Strecke bis Neßmersiel aufgestellt hat.

 

Ganz viel Gans!


Weiter geht es. Zu meinen drei Begleitern gesellen sich jetzt weitere Frühaufsteher. Die Wildgänse sind los und begrüßen mich in ihren typischen Flugformationen mit lauten Rufen am morgendlichen Himmel. Sie kommen von ihren Futterplätzen weiter binnenlands und fliegen jetzt zurück ans Wasser.   

Neß­mer­siel in Sicht


Nach gut 9 km bin ich in Neßmersiel angelangt. Hier lohnt sich eine Stippvisite zum kleinen Fährhafen. Kurz vorm Hafen zweigt rechts ein Salzwiesenlehrpfad ab. Der Pfad durch die Salzwiese führt bis zum Wasser. Kleine Schautafeln säumen den Weg. Hier habt ihr einen herrlichen Blick auf Baltrum.

Ich lasse Neßmersiel heute links liegen und fahre weiter auf dem Deichsicherungsweg in Richtung Hilgenriedersiel. Es sind noch ca. 5 km zu fahren.

Ge­duckt hin­term Deich


Links sehe ich in einiger Entfernung geduckt hinterm Sommerdeich rote Ziegeldächer aufblitzen. Es ist die Deichreihensiedlung am Westerdeich, eine typische Siedlungsform der Küstenmarschen. Im Zuge des Deichbaus zur Landsicherung und Landgewinnung entwickelte sich diese Siedlungsform. Die Häuser, ursprünglich nicht höher als die Deichkrone, ducken sich aneinandergereiht in den Windschatten des Deichs.  Durch diese Form der Siedlung wurde das durch den Deichbau neu gewonnene Land besiedelt. Jedem Siedler wurde ein hinter seinem Haus befindliches Stück Land zugesprochen. Häufig bewohnten auch Deicharbeiter diese Häuser. Sie waren unmittelbar vor Ort, falls an dem Deich Reparaturarbeiten durchzuführen waren.

Lieb­lings­platz


Mittlerweile kann ich die Skyline von Hilgenriedersiel sehen. Schon von weitem sieht man den steinernen Turm der ehemaligen Molkerei zwischen grünen Baumkronen. In Hilgenriedersiel (KP 56) angekommen, biege ich rechts ab, fahre den Deich hoch - und steige vom Rad. Der Ausblick von der Deichkrone ist herrlich. Das lange, silbrig glänzende Gras der Salzwiese wogt sacht im Wind. Die Insel Norderney mit dem markanten Leuchtturm scheint zum Greifen nah (ist auch hier nur ca. 4 km entfernt). Dazwischen endloses Wattenmeer. Nur eine Handvoll Menschen spazieren gemächlich durch die Salzwiesen. Der schmale, nur teilweise mit Schotter befestigte Weg führt mich durch das Grasmeer bis zum Wattenmeer. Hier am Ende der Salzwiesen fallen die bizarren Formen der mit zahlreichen Muscheln durchsetzen Abbruchkanten sofort ins Auge. Sie geben der Landschaft ihren ganz eigenen Charme.

Gut 400 Meter ist der Strandabschnitt lang. Diesen Bereich darf man ganzjährig betreten und hier verweilen. Zeit für eine kleines Picknick. Ich suche ich mir ein stilles, einsames Plätzchen irgendwo im tiefen Gras, genieße die Ruhe und Weite und schaue einer Familie beim Muscheln sammeln im Watt zu.

Um­weg er­wünscht


Genug gechillt. Ich starte meine Rückfahrt, jetzt binnenlands. Auf der alten Hilgenrieder Dorfstraße geht’s weiter bis zum KP 68. Obwohl die Straße keinen Radweg hat, macht es Spaß hier zu radeln. Die teils noch mit rotem Klinker gepflasterte Straße ist kaum befahren und versprüht dank der schattenspendenden Bäume rechts und links ländlichen Charme. Der KP 68 liegt direkt an der vielbefahrenen Kreisstraße 210. Ein Radweg führt entlang der Kreisstraße bis Dornum. Ich möchte mir die Stille, die ich in den Salzwiesen gerade so genossen habe, noch etwas bewahren und nehme dafür einen 2,4 km langen Umweg gerne in Kauf. Also biege ich am KP 68 nicht links ab Richtung KP 58, sondern überquere die Straße und fahre in den Kleiweg. Dem folge ich 2,4 km. Felder, Wiesen und Bauernhöfe prägen die Landschaft. Der Weg ist stellenweise nicht im allerbestem Zustand, aber trotzdem mit dem E-Bike gut zu befahren.  Wer das nicht möchte, der fährt eben auf dem gut ausgebauten Radweg an der Kreisstraße weiter Richtung KP 58.  

In Westdorf, am KP 58, treffe ich wieder auf die Kreisstraße, der ich nun bis Nesse folge. Weit vor dem Dorf begrüßt mich die Nessmer Mühle, ein Galerieholländer aus dem 19. Jahrhundert.

Mein Tipp: Wenn ihr euch für Funktechnik interessiert, besucht das „Funktechnische Museum Norddeich Radio e. V.“, das in der Mühle untergebracht ist.

Kir­chen, Händ­ler, Hand­wer­ker


Ich fahre den Radweg Richtung KP 16, aber nur bis zur St.-Marien-Kirche. Ein Blick auf die imposante, im 12. Jahrhundert aus Tuffstein gebaute Kirche lohnt sich allemal. Mit dem Pfarrhaus, dem Organistenhaus, dem externen Glockenturm und dem Friedhof steht hier der am besten erhaltene Kirchenkomplex Ostfrieslands. Die Kirche steht auf einer 5 Meter hohen Langwarft, das ist ein künstlich aufgeschütteter Hügel, der vor dem Deichbau Menschen und Tieren Schutz vor Sturmfluten bot.

Hinter der Kirche biege ich links in die Westerlohne, dann rechts auf die Hauptstraße. Hier könnt ihr sehr schön den typischen Charakter einer Langwarft erkennen. Die Hauptstraße, die über die Warftkrone führt, bildet den Mittelpunkt des Dorfes. Alle Häuser stehen rechts und links von ihr. Kleine Gassen, die sogenannten Lohnen, führen von der Warftsohle hoch zur Hauptstraße.

Nesse entstand im 9. Jahrhundert als Handelssiedlung am Meer. Ja, ihr habt richtig gelesen. Bis Nesse reichte damals die Nordsee. Einige Jahrhunderte später prägten vor allem Handwerker das Ortsbild. Bäcker, Brauer, Schuster, Weber, Barbiere, Schneider, Schmiede, Uhrmacher … kurz gesagt, in Nesse bekam man im 18. + 19. Jahrhundert alles, was das Herz begehrte. An diese Zeit erinnern bunte Gildewappen, die an ehemaligen Handwerkerhäusern angebracht sind. Achtet mal drauf, wenn ihr durch den Ort schlendert.

Ein­mal Bei­ne bau­meln bit­te!


Ich fahre jetzt wieder zurück durch die Westerlohne auf den Radweg Richtung KP 16, der sich am Ortsende von Nesse befindet. Hier biege ich links auf den Neßmergroder Weg Richtung KP 27.  

Rechts eröffnet sich mir der Blick auf die Gasanlandestation der Firma Gassco. Im Jahre 1994 wurde die Erdgasleitung Europipe I von Norwegen nach Deutschland verlegt. Die 620 km lange Offshore-Pipeline durchquert die Nordsee von den norwegischen Gasfeldern in südliche Richtung und führt durch die Accumer Ee zwischen den Inseln Baltrum und Langeoog zum Festland bis eben zu dieser Gasanlandestation zwischen Nesse und Dornum.

Ansonsten radle ich durch eine rein bäuerliche Landschaft, fernab des Autoverkehrs. Eine ausgiebige Rast will ich mir auf der Baumelbank genehmigen. Ich freu mich jetzt richtig drauf. Es gibt nichts schöneres, als nach einer ausgiebigen Radtour die Beine (und die Seele) baumeln zu lassen. Das bringt die müden Beine wieder auf Trab. Probiert es aus!  Die Bank ist allerdings von Nesse kommend etwas versteckt in einem Nebenweg, der rechts von der Straße abzweigt. Ihr müsst also etwas aufpassen und in die rechts abbiegenden Wege einen Blick werfen.  

Nach ausgiebiger Beinebaumelei fahre ich weiter über KP 18 bis KP 11 in Dornumersiel. Ich biege links in die Hafenstraße ein und habe nach wenigen Metern das Reethaus am Meer, die Start- und Zielstation meiner Rundtour erreicht.

Rou­ten­ver­lauf


KP 14 – 20 – 12 – 52 – 56 – 82 – 68 – 58 – 21 – 29 – 16 – 27 – 18 – 11 - 14

Schwierigkeitsgrad: leicht

Dauer: ca. 1,5 - 2 Stunden

Distanz: 33,2 km

Geschwindigkeit: Ø 19 km/H

Steigungen: 3 x den Deich hoch und wieder runter

Gut ausgebaute Radwege oder gering befahrene Nebenstraßen

Marlene Heyken

Marlene Heyken kennt Dornum wie ihre Westentasche. Im Blog verrät sie ihre absoluten Lieblingsplätze und Geheimtipps.