Grube Samson, © Tourismusmarketing Niedersachsen GmbH
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Glück auf – Vom Berg­bau zur Schu­le der Nach­hal­tig­keit


„Glück auf“ ruft der Mann, macht einen Schritt auf ein schmales Holzbrett, das an Stahlseilen befestigt ist, und gleitet in den dunklen Schacht hinein. Er benutzt die sogenannte Fahrkunst, eine mechanisch bewegte Auf- und Abstiegshilfe für Bergleute, bei der sich zwei Seilstränge samt Trittbrettern wie zwei Paternoster gegenläufig zueinander auf- und abbewegen. Zwischen diesen beiden Strängen samt Trittbrettern gilt es, alle paar Sekunden umzusteigen, von einem Brett auf das nächste. Gerade ist es wieder so weit – die Hände des Mannes mit dem weißen Schutzhelm und schwarzen Gummistiefeln tasten nach dem neuen Griff, ein Schritt nach rechts, die Füße finden das Brett, geschafft – und weiter geht’s in die Tiefe. Der schmale Lichtkegel seiner Kopflampe tastet sich durch die Schwärze. Noch 600 Meter liegen vor ihm. Erst dann wird er am tiefsten Punkt des ehemaligen Stollensystems der Grube Samson angekommen sein, wo der Techniker der Oberharzer Wasserwirtschaft die zwei großen Turbinen warten muss, die hier im ehemaligen Bergwerk seit 1912 erneuerbare Energie produzieren.


Fasziniert beobachten wir die Szene und können unsere Augen kaum losreißen. Sogar als unser Guide und Museumsleiter Christian Barsch anfängt zu sprechen, kleben die Blicke unserer kleinen Besucher-Gruppe noch immer an den schwarz verschmierten Stahlseilen. „Die ‚Fahrkunst‘ ist eine Erfindung hier aus dem Harz, mit der die Bergleute früher unter Tage gefahren sind“, erklärt Christian Barsch mit einem Blick auf die Maschine, die den Mann durch die Dunkelheit befördert. Seine Stimme hallt von den dunklen Felswänden wider und verliert sich in dem langen Stollen hinter ihm. Wir machen eine Führung durch das ehemalige Bergwerk, klettern hinter Barsch her über Stahlgittertreppen bis zum Eingang des Stollensystems unter Tage. Kühl ist es hier unten, gut 20 Meter unter der Erde. Und feucht. So feucht, dass wir beobachten können, wie sich das Wasser in vielen kleinen Tropfen an der rauen Decke und in Pfützen am Boden sammelt. Anders als wir, die wir frösteln und schon Gänsehaut haben, ist Christian Barsch auf das Klima bestens vorbereitet – er trägt wasserfeste Schuhe und ein warmes Fleece. 

Ein Welt­re­kords-Berg­werk


Seit 2017 ist Christian Barsch Museumsleiter an der Grube Samson in St. Andreasberg, einer kleinen Stadt im niedersächsischen Teil des Nationalpark Harz. Täglich werden hier Führungen für Besucher angeboten, die mehr über den traditionellen Bergbau im Harz erfahren wollen. „Die Grube Samson ist besonders berühmt, weil sie lange Zeit zu den tiefsten Bergwerken der Welt zählte“, erzählt Barsch, während er in gebückter Haltung durch den stellenweise nur rund einen Meter sechzig hohen Stollen läuft. Wir trippeln hinterher, staunen über das silbrig schillernde Gestein, das uns von allen Seiten umgibt und die Luft ein bisschen modrig-mineralisch riechen lässt. Eine LED-Lichterkette an der Felsenwand wirft schummriges Licht auf die Holzbohlen, die den Weg befestigen. Bei jedem Schritt hören wir das Wasser darunter schmatzen.

Wir erfahren, dass der biblische Name Samson vermutlich Ausdruck der großen Religiosität der Bergleute war und dass hier von 1521 bis 1910 Blei, Kupfer, Zink und Silbererze gefördert wurden. Eine harte Arbeit, bei der die Bergleute jeden Morgen 90 Minuten auf Leitern in den Stollen hinabsteigen, dort acht Stunden lang härteste körperliche Arbeit ausüben und im Anschluss rund 150 Minuten wieder über Tage klettern mussten. In einer Hand stets die Froschlampe, die ihren Namen ihrer froschähnlichen Form verdankt und die den Bergleuten mit einer kleinen, wachsgespeisten Flamme als einzige Lichtquelle in der Dunkelheit diente. Die andere Hand an den feuchten und dadurch schnell faulenden Holzleitern. Ein Raunen geht durch die Runde, als Christian Barsch die Fakten zum täglichen Ein- und Ausfahren zum besten gibt – das klingt alles doch ganz schön gefährlich. „War es auch. Und als die Unfälle sich häuften, wurde hier im Oberharz 1833 die Fahrkunst erfunden, die wir eben gesehen haben. Mit der konnten die Bergleute ein- und ausfahren und ihre Kräfte etwas schonen“, ergänzt er.

Wenn al­te Sys­te­me ei­ne neue Ver­wen­dung fin­den


Angetrieben wurde die Fahrkunst mit Wasserkraft. Dafür wurde Regenwasser in einem künstlichen Teich gesammelt und anschließend auf zwei große Wasserräder geleitet, die die Fahrkunst und andere Maschinen antrieben. „Dadurch ist die Grube Samson Teil der Oberharzer Wasserwirtschaft, des größten Energiegewinnungs-, Energiespeicherungs- und -verteilsystems der vorindustriellen Zeit und seit 2010 UNESCO-Weltkulturerbe“, berichtet Christian Barsch stolz. Er steht vor einem der beiden mächtigen Wasserräder, die schon lange nicht mehr laufen. Ganz grau ist das Holz über die Jahrhunderte geworden. Der Staub, der sich darauf gesammelt hat, tut sein Übriges, die historische Bedeutung der Konstruktion zu unterstreichen. Schwer beeindruckt blickt sich unsere Gruppe in der Halle um, die das Rad bis fast bis unter die Decke ausfüllt.


Doch obwohl das Rad schon lange kein Wasser mehr schaufelt und der Bergbau schon Anfang des 20. Jahrhunderts eingestellt wurde – die Grube Samson ist nicht allein ein passives Denkmal der Montanindustrie. Hier wird bis heute richtig Wasserkraft erzeugt. Schon seit über hundert Jahren produzieren zwei Turbinen regenerative Energie und damit 90 Prozent des für St. Andreasberg benötigten Stroms. „Das Bergwerk verdient also immer noch Geld. Mit der Energietechnik von morgen, aber unter Verwendung all der alten Maschinen von gestern und vorgestern“, fasst Christian Barsch dieses Paradebeispiel für ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit zusammen. Unsere Gruppe steht inzwischen im hauseigenen Museum vor einer interaktiven Erlebnisstation. Alle wechseln sich fleißig ab, Hebel zu betätigen, um ein virtuelles Wasserrad und eine Turbine durch den Zulauf von Wasser in Aktion zu versetzen. Ein lautes „Ahhh“ geht durch die Runde, als es einem Besucher schließlich gelingt, den Strom fließen zu lassen und ein paar kleine Modellhäuschen zu beleuchten.

Schu­le der Nach­hal­tig­keit


Spielerisch lernen, auch darum geht es in der Grube Samson. Neben einzelnen Besuchern und Besucherinnen kommen hier auch viele Schulklassen, Gruppen von Studierenden und Unternehmen vorbei. Warum? „Als UNESCO Welterbestätte ist es unsere Aufgabe, uns mit Fragen der Gegenwart auseinanderzusetzen und Anregungen für die Gestaltung der Zukunft zu geben. Der Klimawandel hat besonders hier im Harz bereits Spuren hinterlassen“, sagt Christian Barsch ernst. „Deshalb haben wir vor einigen Jahren die Schule der Nachhaltigkeit neu gegründet und beschäftigen uns seitdem in Seminaren mit regenerativer Energiegewinnung und Ressourcennutzung.“

‚Neu gegründet‘ wurde die Schule deshalb, weil es tatsächlich bereits vor 250 Jahren hier im Oberharz eine solche Schule gab. Diese erste Forstschule Deutschlands beschäftigte sich damals aus einer Not heraus mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit. Denn für den Bergbau wurde so viel Holz benötigt, dass die Bestände immer wieder knapp wurden und der Bergbau zum Erliegen kam. Ziel der Schule war es, den Verbrauch des Holzes anzupassen und das Nachwachsen der Bäume durch das Aufforsten der Wälder zu fördern.

Wo der Berg­bau Spu­ren hin­ter­las­sen hat


„Was wir heute im Harz sehen, ist eine Bergbau-Folgelandschaft“, erklärt Barsch. Jahrzehntelang seien in der Region Fichten-Monokulturen angebaut worden, weil das Holz für den Bergbau besonders geeignet war. „Es bestehen wirtschaftlich aber auch hohe Risiken. Stürme oder Borkenkäferplagen können die Bestände innerhalb kürzester Zeit vernichten“, gibt Christian Barsch zu bedenken. Wer heute durch den Nationalpark läuft, sieht riesige Flächen mit toten Fichten. „Ein Zusammenhang, aus dem wir in unserer Schule der Nachhaltigkeit lernen wollen.“ Unsere Gruppe lauscht mit betroffenen Mienen. Worauf Christian Barsch gleich wieder zu lächeln beginnt. „Wir stehen zwar vor großen Herausforderungen. Aber der Wald wird nicht verschwinden. Wir sehen schon heute den stärkeren, klimaresistenteren Mischwald von morgen wachsen.“

Aufregende Führungen, eine spannende Geschichte und eine Schule für Nachhaltigkeit. Doch wer glaubt, dass das schon alles war, was die Grube Samson zu bieten hat, der irrt. Denn zum großen Finale der Führung packt Christian Barsch auch noch eine VR-Brille aus. „Damit ihr wenigstens mal virtuell mit der Fahrkunst fahren könnt“, erklärt er. Ein Unterfangen, das erstaunlicherweise eine gehörige Portion Mut erfordert. Denn der Schacht, den man durch die Brille dreidimensional vor sich sieht, wirkt erschreckend real, wie wir der Reihe nach feststellen. Es kostet ganz schöne Überwindung, virtuell den Schritt auf die Fahrkunst zu wagen, wenn daneben der ebenfalls virtuelle schwarze Schacht klafft. Mit Brille und Cursor ausgestattet, tapsen wir vorsichtig durch den Raum. Anschließend entdecken wir im Nebenraum eine weitere Simulation, für die es nicht ganz so viel Mut braucht: Hier ist der Schacht auf eine Leinwand projiziert. Davor sind zwei Fahrkunst-Trittbretter mit Sensoren installiert, die messen, ob wir im richtigen Takt umsteigen. Ein falscher Schritt – und die virtuelle Figur auf der Leinwand stürzt in die Tiefe. „Den Fehler macht man im echten Leben nur ein Mal“, lacht Christian Barsch. Aber hier ist es nur ein Spiel.