Herrenhäuser Gärten, © Hannover Marketing & Tourismus GmbH / Lars Gerhards
© Hannover Marketing & Tourismus GmbH / Lars Gerhards

Interview mit Ronald Clark


Potrait von Herrenhäuser Gärten Direktor Ronald Clark, © Helge Krückeberg

Über die Liebe zu Hannover und zur Landschaftsgärtnerei berichtet

Ronald Clark
Direktor Herrenhäuser Gärten


Mit viel Leidenschaft kümmerst du dich als Landschaftsarchitekt und Direktor um die Herrenhäuser Gärten. Wie viele Pflanzen wachsen hier eigentlich und wie groß ist das Gärtner-Team, das täglich im Einsatz ist?

Die genaue Anzahl der Pflanzen ist schwierig zu beziffern. Im Großen Garten, Berggarten und Georgengarten zusammen stehen etwa 6.000 Bäume. Jedes Jahr im Frühling kommen 60.000 Sommerblumen hinzu. Und natürlich unsere Pflanzensammlungen im botanischen Schaugarten Berggarten mit über 10.000 verschiedenen Arten und Sorten, inklusive 1.000 Kübelpflanzen und die weltweit artenreichste Orchideensammlung. Genug Superlative?

Gut 100 Gärtner*innen sind für die Pflege und Entwicklung im Einsatz, aber weitere 50 Personen sorgen für Planung und Organisation der Gärten, Vermietungen, Veranstaltungen, Vermittlung, Kommunikation, Marketing, Besucherservice und Shops. Und natürlich auch die Kolleg*innen in der Verwaltung, damit die Mittel richtig eingenommen und ausgegeben werden und alle Mitarbeitenden ihr Gehalt bekommen.

Herzstück der Herrenhäuser Gärten ist der Große Garten, einer der beachtlichsten Barockgärten in Europa. Was bedeutet dir das und wie sehr wertschätzt du das im Alltag?

Es ist schon eine besondere Ehre für dieses Gartenjuwel verantwortlich zu sein. Auch wenn im Alltag das Buchsbaumsterben oder die Vermeidung von Schäden bei Veranstaltungen oft in den Vordergrund treten. Aber am schönsten ist es, wenn man in der Abenddämmerung durch den Garten spaziert und spürt, wie er quasi ausatmet. Diese ruhige blaue Stunde ist einfach nur faszinierend.

Was ist das Faszinierende an den Herrenhäuser Gärten und warum sollten Besucher unbedingt hier herkommen?

Man kann gleich mehrere Jahrhunderte Gartenkunst in Vollendung nebeneinander erleben. Vom entspannten Lagern im Landschaftsgarten des 19. Jahrhunderts über das Entdecken der Pflanzenvielfalt im Berggarten bis hin zum königlichen Anspruch eines fast 350 Jahre alten barocken Gartens. Das gibt es als drei eigenständige Gärten nebeneinander sonst nirgendwo. Und es ist immer etwas Neues zu entdecken, 365 Tage im Jahr, und während der Sommersaison sogar abends mit Beleuchtung.

Nicht jedes Kind interessiert sich für Blumen und Landschaft: Was können Kids hier erleben?

Gerade Kinder sind von den Wasserspielen fasziniert und laufen, nicht immer zur Freude der Eltern, gern durch die Wasserschleier der Fontänen. Sehr beliebt sind auch der Irrgarten und die Grotte von Niki de Saint Phalle. Aber wir haben auch viele Angebote für Schulklassen und Familien speziell an Sonntagen.

Was begeistert dich am Landschaftsgärtnern?

Vielleicht nicht unbedingt am Landschaftsgärtnern, denn das ist ohne große Maschinen kaum zu schaffen. Aber das eigentliche Gärtnern im eigenen Garten ist anregend, entspannend und erfüllt mit Freude und auch mit Demut, denn trotz allen Wissens machen einige Pflanzen doch, was sie wollen. In meinem Garten im Zentrum Hannovers experimentiere ich gern mit eigentlich nicht winterharten Pflanzen. Kamelien Orangenblütenstrauch und Säulenzypresse gedeihen seit Jahren ohne Winterschutz. Mal ein positiver Effekt des Klimawandels.

Was sind deine drei Lieblingspflanzen in den Herrenhäuser Gärten? Kannst du kurz beschreiben, welche Besonderheiten sie ausmachen?

Die Süntelbuche im Berggarten ist ein wirklich besonderer Baum mit seinem Gewirr von Ästen, die ineinander wachsen, im Boden verschwinden und irgendwo wieder auftauchen. Zu Recht wurde sie früher Gespensterbuche genannt. Die Salviensorte Amistad hat wunderbare dunkelblaue Blüten und blüht bis zum Frost ununterbrochen. Und dann noch Schwertlilie, Phlox, Astern, Cymbidien-Orchideen, Tulpen und, und, und. Es gibt einfach zu viele schöne Pflanzen, um sich festzulegen.

Auch über die Herrenhäuser Gärten hinaus ist Hannover eine sehr grüne Stadt. Die Eilenriede ist mit rund 6,4 Quadratkilometern Fläche sogar einer der größten zusammenhängenden Stadtwälder Europas ...

Die Eilenriede ist bei weitem nicht einer der größten Stadtwälder Europas. Andere Städte habe viel ausgedehntere Wälder an ihren Rändern. Das Besondere der Eilenriede ist, dass sie wirklich von der Stadt umschlossen ist. Vom Opernhaus sind es nur gut einen Kilometer, bis die Eilenriede hinter der Musikhochschule beginnt.

Das grüne Hannover ist außerdem ein Gartenkunstmuseum 1:1, denn vom Großen Garten und dem Tiergarten aus dem 17. Jahrhundert, über Landschaftsgärten aus dem 18. und 19. Jahrhundert, dem Maschpark, Hermann Löns Park, Maschsee und Stadtpark des 20. Jahrhunderts bis zu den EXPO Gärten und dem Wissenschaftspark Marienwerde des 21. Jahrhunderts sind alle wichtigen Gartenkunstrichtungen der letzten fünf Jahrhunderte zu sehen. Auch das einmalig mindestens in Deutschland.

Was sind deine „grünen“ Lieblingsplätze in Hannover?

Neben den Herrenhäuser Gärten und meinem eigenen Garten der Stadtpark, der zur ersten Bundesgartenschau 1951 entstanden ist. So eine Art Kurpark Hannovers. Darin der japanische Teehausgarten, an dessen Realisierung ich in den 1990er Jahren beteiligt war.

Kannst du uns ein Viertel/einen Ort, der ein absoluter Insidertipp ist, verraten?

Vielleicht wirklich der japanische Teehausgarten im Stadtpark. Am besten mit einer original Teezeremonie. Ein Kurztrip ins traditionelle Japan.

Wie gut harmonieren Natur und Großstadtflair in Hannover?

Wäre eine Großstadt ohne Grün mit Gärten, Straßenbäumen, Wasserflächen nicht unerträglich? Nur Beton und Asphalt. In so einer trostlosen Stadt möchte ich nicht leben. Hannover hat eine ideale Balance von nicht zu großer Großstadt und intensivem Grün für die tägliche Erholung.

Sorgt die Urbanität vielleicht sogar dafür, dass wir die Natur noch bewusster wahrnehmen und schätzen?

Kommt drauf an, was man unter Natur versteht. Es ist ja eigentlich alles Natur, auch die ausgeräumten Ackerflächen rund um Hannover oder Fichtenmonokulturen. Mittlerweile sind die Städte mit ihren vielen Gärten zum Rückzugsort für viele Tiere und Pflanzen geworden. Einerseits schön diese Vielfalt in der Stadt zu erleben, aber auch erschreckend, dass sie in der sogenannten freien Landschaft kaum noch anzutreffen ist.


Vielleicht ein zu pessimistischer Schluss? Aber wir als Gärtner sollten grundpositiv denken, verbinden wir doch im Gartendenken Nachhaltigkeit mit kulturellem und ästhetischem Anspruch, eben das Schöne mit dem Nützlichen.

 

Stand: Juni 2020