Fünf Wanderer an einem Wasserloch im Moor des Naturparks Moor-Veenland, © Emsland Touristik
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Interview mit Silke Hirndorf


Silke Hirndorf, © Internationaler Naturpark Moor-Veenland

Was das Moor so besonders macht, verrät

Dipl.-Biologin Silke Hirndorf
Moormuseum & Naturpark-Führerin


Du hast einen Doktortitel, bist Diplom-Biologin, Heilkräuterexpertin, Gartenberaterin, Naturführerin, Moor-Museumspädagogin und Botschafterin des Naturparks Moor. In Sachen Natur also ein echter Tausendsassa …

Die Vielfalt der Natur fasziniert mich: Sehe ich eine Pflanze, möchte ich auch den Käfer kennen, der darauf sitzt oder die Biene verstehen, wie sie ihrem Volk die Richtung zur Nahrung weist. Zusammenhänge und Zusammenwirken finde ich spannend- etwa wie Pflanzen sich eine ganz bestimmte Blütenform entwickelt haben, um eine ganz bestimmte Hummel anzulocken oder wie man schon an den Pflanzen erkennen kann, welche Boden- oder Wasserverhältnisse vorherrschen. Am meisten bewundere ich, wie Vielfalt, die Vielfalt fördert! -Als Biologin habe ich in der medizinischen Forschung gearbeitet- ein spannendes Thema- doch mir fehlte die Natur selbst, das Rausgehen und Beobachten. Für mich lag es nahe, sich mit Medizin und Pflanzen zu beschäftigen- so bin ich zur Forschung und Lehre  der Heilpflanzenkunde gekommen und habe angefangen auch Gärten anzulegen- Ich bin wohl einfach ein sehr neugieriger Mensch!

Es ist dir sehr wichtig, Menschen an die Natur und Naturschutz heranzuführen, vor allem Kinder. Warum liegt dir das so am Herzen?

Nur was man kennt kann man auch schützen Das ist ein Leitmotiv, dass für den Natur-und Artenschutz sehr wichtig ist. Lange Zeit versuchten die Menschen, sich die Erde buchstäblich untertan zu machen- heute weiß man angesichts des Artensterbens und des Klimawandels, was wir unserer Erde antun: Was wir verlieren und dass es so nicht weitergeht. Zu sehen, wie Kinder an die Natur herangehen, ungezwungen und zupackend, ist für mich Ansporn, ihre Begeisterung für Frosch, Käfer oder Pflanze zu steigern. Ich sage immer (gerade wenn wir bei einer Führung mit den Naturparkschulen auf eine Spinne treffen), dass es BOOHHH und IHHH Kinder gibt. Die einen sind fasziniert, wie spannend die Spinne ist: Sie trägt einen Eierkokon mit sich rum, baut interessante Netze oder trommelt für die Liebste eine bestimmte Melodie- die meisten Kinder sind dann gefesselt und rufen BOOOOH wo zuvor Skepsis oder Zurückweisung mit IHH ausgedrückt wurde. Mein Ziel als Naturführerin ist es, den Kindern das Bohhh-, das Staunen über die Natur zu vermitteln und dadurch zu Naturliebhabern zu machen.

Wie und von wem wurdest du als Kind an die Natur herangeführt? Dein Interesse erwachte ja schon sehr früh. Gab es einen besonderen Anlass?

Ich bin als Bauerntochter auf dem Land aufgewachsen- da ist die Natur eh schon nah- und es hat mich immer raus gezogen. Ich bin mittags nach der Schule (noch vor dem Mittagessen) mit dem Hund rausgegangen- an den Bach Steine umdrehen oder Vögel zuhören oder Blumen schauen- wie gesagt- ich bin wohl ein neugieriger Typ. Stets habe ich im Buch nachgeschaut, was ich dort alles gesehen habe- so habe ich mir die Pflanzen und Tiere selbst beigebracht. Als Jugendliche habe ich an der Biologischen Station Zwillbrock gearbeitet. Dort habe ich Flamingos beringt oder Libellen kartiert- so lag der Wunsch nahe, später Biologie zu studieren.

„Auf Spurensuche in der Natur – Familien- und Gruppenwanderungen, die zum genauen Hinsehen einladen.“ So heißt eine Moor-Erlebnis-Tour von dir. Was können Familien auf dieser Tour erleben? Und was begeistert die Kleinen am meisten? 

Eigentlich ist es gar nicht so unterschiedlich, wofür Groß und Klein sich begeistern- wichtig ist, dass man Neues und Altes entdecken und ganz neu kennenlernen kann: ein Gänseblümchen essen, auf einer Eichel oder einem Grashalm pfeiffen, oder still einem Vogel zu lauschen-  Ich erzähle dann gerne Pflanzenmärchen über Zauberkräfte oder Feen, die darin leben oder Fabeln von Tieren. Ebenso erkläre ich ökologische Zusammenhänge, warum etwa der seltene Malvenwürfelfleckfalter gerade hier vorkommt, wo der Blutwurz blüht. - Es gibt viel zu erzählen und bei jeder Führung sieht man andere Pflanzen und Tiere! Am Ende finden Groß wie Klein selbst die Spuren, Federn oder Tiere und Pflanzen, die sie zuvor vielleicht gar nicht wahrgenommen haben.

Spuren welches Tieres und welches Heilkraut gibt es dabei zu entdecken? Verrätst du uns jeweils eins?

Ein Highlight ist es natürlich, wenn man Natternhemd- also die abgestreifte Haut einer Schlange findet! Am besten sogar, wenn man zuvor die Schlange selbst gesehen hat! Solche Natternhemden findet man allerdings auf den Wanderung selten- aber im Frühjahr kann man schon mal Glück haben. Frösche sind für die Kinder aber auch für die Erwachsene spannend- wer hat schon mal die Brunftballen an den Beinen der männlichen Frösche gesehen? Spinnen sind vor allem ab dem Hochsommer gut zu finden und man kann die Vielfalt der Netze und Lebensweisen erklären. Gegen jedes Zipperlein ist ein Kraut gewachsen- so heißt es seit dem Mittelalter- viele Pflanzen haben Heilwirkung- die Dosis macht die Wirkung! Spannend sind solche Pflanzen, bei denen man die Wirkung zeigen kann oder die besondere Namen haben. Die Blutwurz z.B. findet man häufig im Bargerveen. Sie blüht gelb- woher kommt also der Name: Wenn man den Wurzelstock anschneidet, verfärbt er sich blutrot! Außerdem enthält er Gerbstoffe, weshalb er u.a. zur Blutstillung eingesetzt wurde. Gerne zeige ich auch den Gundermann- auf plattdeutsch „Kiek dör den Tun“- er wächst, wie sein plattdeutscher Name es sagt, rankend und war früher ein wichtiges Frühjahrsgemüse, da er sehr mineralreich ist. Häufig kennen die Leute ihn heute nur als Gartenunkraut.

Worauf legst du bei der Vermittlung von Wissen viel Wert bzw. Wie bringst du dieses während deiner Touren rüber?

Ich versuche die Natur hautnah zu vermitteln- mit allen Sinnen: Libellen kann man beim Fliegen lauschen oder man kann fühlen wie weich einige Pflanzen sind. Es ist zudem spannend, auszuprobieren wie fest der Sonnentau ein Grashalm festkleben kann. Mutigen lasse ich auch mal ein Insekt oder eine Spinne über die Hand laufen oder ich zeige bei Libellen, wie stark die Wiederhaken an den Beinen sind. Mit dessen Hilfe erkläre ich, wie die Tiere im Flug ihre Beute fangen und was weitere Anpassungen des Körperbaus an die Lebensweise sind.

Heideflächen, Feuchtgebiete, Woll- und Pfeifengras, Sonnentau, Wasservögel, Libellen, Frösche und Schmetterlinge: Was davon gefällt dir am besten?

Genau diese Vielfalt, alles daran- ich kann nicht sagen, was am meisten- ohne Libelle keine Wasservögel- so funktioniert ein Ökosystem!

Gibt es eine bestimmte Tageszeit, zu der sich das Moor von seiner besten Seite zeigt? Oder hast du eine persönliche Lieblingszeit?

Natürlich ist im Frühling und Sommer immer am meisten los im Moor: Wollgras bildet seine auffälligen Fruchtstände, alles grünt und blüht und Insekten summen- jedes Jahr ist für mich ein besonderes Highlight, wenn die ersten Moosjungfern (Libellen) über die flachen Moortümpel fliegen, der erste Kuckuck ruft oder ich wieder einen Brachvogel höre. Dann ist Frühling. Aber auch der Herbst hat tolle Seiten! Zu dieser Jahreszeit sind die typischen Farben des Moores am besten wahrzunehmen. Die Stimmung im Moor, das Lila der Heide oder der spezielle Geruch des Moores ist dann am intensivsten. Ich mag aber auch den Winter. In der kalten Jahreszeit ist die Weite der Landschaft viel bewusster wahrzunehmen. Tausende von Gänsen und Singschwänen und die Kraniche, die dann im Naturpark rasten, verbreiten eine besondere Stimmung – nur starken Wind mag ich nicht so gerne… Sonnenauf- und untergänge sind natürlich besonders schön. Tautropfen auf Pflanzen oder Spinnennetzen- da geht einem das Herz auf!

Wie oft bist du tatsächlich im Moor – beruflich und privat?

Wenn es geht täglich mehrfach…

Durch das Moor, vorbei an charmanten Dörfern oder ab ins Nachbarland Niederlande: Auf einigen Themenrouten können Besucher das Emsland mit dem Rad erkunden. Warum ist das auf jeden Fall zu empfehlen? 

Jede Radtour ist ein kleines Abenteuer. Gerade im grenznahen Raum ist es wie ein kleiner Urlaub, denn entlang der Grenze werden die Häuser, Gärten und Landschaft ein bisschen anders. Mit dem Rad wie auch zu Fuß hat man die Möglichkeit, beide Seiten der Grenze zu erfahren. Orientieren kann man sich wunderbar mit dem Knotenpunktsystem der Rad-bzw Wanderwege- Dadurch kann ich jederzeit meine Route verlassen, wenn ich etwas Interessantes entdeckt oder mich total verfahren habe- ich finde immer wieder einen neuen Knotenpunkt und kann mich von da aus neu orientieren. Die Themenrouten dagegen zeigen mir die schönsten Strecken und bringen mir die Landschaft oder Geschichte der Region nahe- je nach Schwerpunkt, wird man gezielt zu den interessantesten Landschaftsmerkmalen geführt- gerade für Ortsfremde eine tolle Möglichkeit die Region zu entdecken.

Warum lohnt es sich, das Emsland kennenzulernen?

Wer Wandern und Radfahren mag, wird das Emsland mögen! Es gibt viele gut ausgebaute Rad- und Wanderwege, Naturgebiete wie Moore und Heiden und die Flusslandschaft entlang der Ems. Vor allem die Nähe zu den Niederlanden fühlt sich wie Urlaub vor der Haustür an. Besonders Familien mit Kindern wird eine Menge geboten: vom Urlaub auf dem Bauernhof bis zum Freizeitpark, aber eben immer wieder die Nähe zur Natur.  Es gibt eine Reihe schöner Gärten zu sehen und einige Bauernhofcafés, die den Eltern sicherlich auch Reiz bieten. Das Emsland bietet einfach Landleben pur.

 

Stand Juni 2020