Mann füttert Bentheimer Schweine auf dem Hof Vockfey
© TourismusMarketing Niedersachsen GmbH/Anett Melzer
Blogger Alexander Bleifuß
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Zu Be­such bei Wald­zie­gen und bun­ten Schwei­nen


Haben Sie schon vom Bentheimer Schwein, der Diepholzer Gans oder dem Rotbunten Husumer gehört? Alte Haustierrassen werden wiederentdeckt und fühlen sich auf den sogenannten Archehöfe in Niedersachsen wohl. Was diese Art des Landlebens ausmacht und was Besucher erleben können, erfahren Sie in diesem Blogbeitrag.

Man sagt, die Stadt sei der Lebensraum der Zukunft. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land und in der Natur. Doch wo wohnt es sich nun tatsächlich besser? Diese Frage lässt sich nicht abschließend beantworten – eins ist aber klar: das Landleben schreibt oft die schönsten Heimatgeschichten. Das Herz im ländlichen Niedersachsen schlägt auf den zahlreichen Höfen, mit Leidenschaft geführt und bewirtschaftet.  

Milchkannen
© Mittelweser-Touristik GmbH

Zuletzt hatte ich von Höfen gehört, die anders an die Sache rangehen, keine hundert Milchkühe oder Mastschweine, sondern besondere, fast vergessene Rassen in kleiner Stückzahl halten. Passend dazu sah ich einen Bericht, ich glaube es war beim NDR, über alte Nutztierrassen in Niedersachsen, ob Gänse, Schweine oder Schafe.

Liegt hier ein Zurück, eine Besinnung auf eine ökologische Landwirtschaft?  Mein Gefühlt sagt mir, dass hier ein genauerer Blick lohnt. Kurz recherchiert: die meisten dieser alten Rassen leben auf sogenannten Archehöfen. 2010 gab es über 80 Archehöfe in Deutschland, auf denen fast ausgestorbene Nutztierarten gehalten und gezüchtet werden. Ihre Zahl ist in den letzten Jahren gestiegen. Und das Schöne dabei ist: die Höfe freuen sich über Besucher, die hier einen interessanten Tag verbringen können, als Familie, mit Freunden oder als Schulklasse.

Alte Scheune auf dem Hof Eigengut im Elbe Wendland
© Dennis Haug

Die Tierbestände in der Landwirtschaft setzen sich nur noch aus einigen – sogenannten Hochleistungsrassen – zusammen. Viele der früher beliebten und auch weit verbreiteten Rassen sind scheinbar unwirtschaftlich geworden. Im Laufe der Jahre geriet zum Beispiel das Bentheimer Schwein immer mehr in Vergessenheit, da sein Fleisch als zu fettreich galt. Dadurch sind viele der ehemals beliebten Rassen entweder ausgestorben oder nur noch in geringer Zahl vorhanden. Nicht zuletzt wächst aber die Forderung des Verbrauchers nach Qualität der Produkte und nach artgemäßer Tierhaltung. Woher kommt eigentlich unser Essen? Brauchen wir mehr Bio? Diese Fragen sind immer präsenter in unserer Gesellschaft.

Dass man gefährdete Nutztierrassen wieder in eine ökologische Landwirtschaft einbinden und gleichzeitig einen Erlebniswert für Besucher schaffen kann, zeigen die Archehöfe. Hier sollen die Tiere wesensgerecht und umweltschonend gehalten werden. Jeder Archehof besitzt seinen eigenen Charakter. Er wird geprägt durch die hier arbeitenden Menschen, wie sie zu ihrer Berufung kamen und wie die Tiere in die Landwirtschaft eingebunden sind.

Mann füttert Skudden, eine Schafrasse
© TourismusMarketing Niedersachsen GmbH/Anett Melzer

Buntes Leben auf einem Archehof

Klingt spannend. Also machte ich mich im letzten Frühjahr auf, einen Archehof in Niedersachsen zu besuchen. Zugegeben, ich hatte während der Anreise die Klischeebilder im Kopf – drei Generationen unter einem Dach, Hofhund, kleiner Hofladen angeschlossen und glückliche Schweine…

Den einen Hofhund gab es dann nicht, dafür erfüllten sich die anderen Vorstellungen. Zum freundlichen Empfang gesellte sich schnell der Eindruck, mit wieviel Herzblut die Hofbetreiber hier leben und arbeiten. Mir wurde auch sofort klar, welch buntes Treiben hier jeden Tag herrschen muss. Der Archehof hält neben Bunten Bentheimer Schweinen Diepholzer Gänse und Skudden, eine alte Schafart. Alles robuste Rassen, die sich sichtlich gerne und frei auf dem Hof bewegen. Sie sind definitiv die Stars auf dem Gelände. Zusammen mit der Betreiberfamilie kümmern sich noch einige freiwillige Helfer und Praktikanten um die Tiere, Stallanlagen und die Landschaftsgestaltung. Die Besitzerin erklärt mir, dass es ohne die helfenden Hände nicht gehen würde. Zusammen mit dem Hofladen und dem Café in der umgebauten Bauernkate gibt es jeden Tag neue, spannende Aufgaben. Die vielen Gäste, die hier vor allem am Wochenende vorbeischauen, freut es, denn es gibt immer etwas zu beobachten und zu entdecken.

Bunte Bentheimer Schweine stehen im offenen Stall auf dem Hof Vockfey
© TourismusMarketing Niedersachsen GmbH/Anett Melzer

Die tierischen Bewohner scheint es nicht zu stören. Im Gegenteil, die vielen Streicheleinheiten der Kinder und die staunenden Blicke der Großen sind hier sogar erwünscht. Der Offenfront-Laufstall, in dem oft kleine Ferkel zu bestaunen sind, ist bei den Gästen am beliebtesten. Landwirtschaft zum Anfassen.

In der trubeligen Hofgemeinschaft haben die Tiere genug Rückzugsraum. Man erklärt mir: Die tierischen Bewohner nutzen eine Mischung aus Stall und direktem Ausgang. Sie sollen selbst entscheiden, ob sie lieber drinnen bleiben oder ihrem natürlichen Erkundungssinn nachkommen möchten - zu jeder Tageszeit. Dass nicht nur die Schweine Freigeister sind, sehe ich spätestens bei einer kleinen Kaffeepause draußen vor dem Café, als ein Trupp Gänse an meinen Füßen vorbeizieht.

Diepholzer Gänse auf dem Hof Vockfey
© TourismusMarketing Niedersachsen GmbH/Anett Melzer

Was sind eigentlich Archehöfe?

Ist ein Archehof also ein glückseliger Ort mit integriertem Streichelzoo? Ja und nein. Tatsächlich funktioniert hier Landwirtschaft anders als in der konventionellen Haltung. Gleichzeitig werden auch Milch, Eier und Fleisch erzeugt und verkauft.

Ein Archehof kann jeder landwirtschaftlicher Betrieb werden, wenn er bestimmte Vorgaben umsetzt. Klar, es müssen alte und gefährdete Nutztierrassen, die auf der Roten Liste der bedrohten Nutztierrassen stehen, dort gezüchtet und in den Betriebsablauf eingebunden werden. Wichtig ist vor allem aber eine artgemäße Haltung und Fütterung aller Tiere. Dazu gehört es, dass die Tiere regelmäßig auf die Weide können und Auslauf haben. Der springende Punkt, der mich am meisten fasziniert hat: das Futter wie Heu und Stroh sollte hauptsächlich aus eigener, heimischer Herkunft und ohne Zusatzstoffe sein. Und der Dung der Tiere dient als natürlicher Dünger für die Weideflächen.

Die Familie weist auch darauf hin, weshalb der Hof nah dran ist an konventioneller Landwirtschaft: die Schlachtung der Tiere, oder auf anderen Höfen mit Kühen, das Melken, gehört ebenfalls zum Archehof dazu. Die artgemäße Haltung der Tiere spiegelt sich auch in der Qualität der verkauften Produkte wider.

Bentheimer Landschaft mit zwei Lämmern
© Freilichtmuseum Kiekeberg

Alte Nutztierrassen: Mit Genuss erhalten

Die Tiere sind robuster gegen Krankheiten und durch ihre Haltung vor Ort gesünder und letztlich auch schmackhafter als die Verwandtschaft aus der Massentierhaltung. Die Naturreinheit kommt ohne chemische Zusätze und Rückstände aus. Die Veranlagung der alten Rassen, die weitgehend artgerechte Haltung mit viel Bewegung und frischer Luft machen die Produkte zu etwas Besonderen. Diese regionale Qualität ist auch das Motto der Nutztierarchen: „Mit Genuss erhalten“. Nur durch die Vermarktung ist der Erhalt einer Rasse gesichert. Der Verkauf der Waren motiviert die Hofbetreiber, die alten Nutztierrassen weiter zu halten. Das leuchtet mir ein.

Allein in Deutschland stehen mehr als 100 Nutztierrassen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Leidenschaft und Ideen sind also gefragt, dass ein dauerhafter Bestand der robusten und genügsamen Tiere gewährleistet ist.

Zu den Arten gehören nicht nur das Bentheimer Schwein oder das Leineschaf, sondern auch viele weitere. Es sind Namen wie die Thüringer Waldziege, die Pommernente, das rotbunte Husumer Schwein, Altoldenburger Warmblut (Pferd) oder Ostfriesische Möwen (Hühner). Sie alle finden ein Zuhause auf den Archehöfen in Niedersachsen.  

Schild Hofladen mit Öffnungszeiten
© Christian Mayer

Wie wäre es mit einem Tagesausflug zu Schaf, Schwein und Co?

Ein Prinzip der Hofanlagen ist die Offenheit. Sie laden ein, die Tiere hautnah zu erleben und Haltung und Hof kennenzulernen. Aus meiner Sicht besonders interessant auch für Familien mit kleineren Kindern - und für die Großen gibt es Landluft pur zusammen mit einem leckeren Stück Kuchen. Manchmal ist es möglich aus dem Hofladen nebenan Gemüse, Obst, Milch- und Fleischprodukte für zu Hause mitzunehmen. Die Hofbetreiber haben durchaus auch Zeit für einen kleinen Plausch oder geben auch ausführliche Informationen zu Haltung und Fütterung sowie Qualität der Produkte und Nachhaltigkeit. Hoffeste und Öko-Erlebnistage runden das Angebot ab.

Bunte Bentheimer Schweine
© Tierpark Nordhorn gGmbH / Franz Frieling

Wenn Sie nun Lust bekommen haben auf einen Besuch bei einem Archehof, können Sie passenden Adresse auf der Seite www.g-e-h.de finden. 

Neben klassischen Erwerbshöfen gibt es auch weitere Orte, die alten Nutztierrassen ein Zuhause bieten. Bentheimer Schweine und Co finden sie im Freilichtmuseum am Kiekeberg, im Tierpark Nordhorn und auf dem Siedlerhof des Moormuseum Emsland.

 

Blogger Alexander Bleifuß

Alexander lebt in Hannover und ist, wann immer es möglich ist, in Niedersachsen unterwegs – zumeist mit den Wanderschuhen. Harz, Heide und Weserbergland liegen nahe, aber auch unbekanntere Ecken haben es ihm angetan. Zur To-Do-Liste gehören das Wendland und die Elbe sowie das Emsland. Im Niedersachsen-Blog berichtet er von Tagesausflügen mit dem Rad, dem Kanu oder zu Fuß und teilt seine ganz persönlichen Reiseerfahrungen.